Aktuelles - Aufführungen

Di 31.10.2017 - Ludwig Meinardus: "Luther in Worms", op. 36
Ludwig Meinardus: "Luther in Worms", op. 36
Großes romantisches Oratorium für Soli, Chor und Orchester

Solisten
Bachchor Eisenach (Einstudierung Christian Stötzner)
Singakademie Dresden e.V. (Einstudierung Ekkehard Klemm)
Singakademie Cottbus e.V. (Einstudierung Christian Möbius)
Philharmonisches Orchester Cottbus

Musikalische Leitung: Evan Christ

unterstützt und gefördert vom
"Verein zur Förderung der Musik an Johann Sebastian Bachs Taufkirche e.V."
www.kimuba.eisenachonline.de

Ludwig Siegfried Meinardus wird am 17. September 1827 im ostfriesischen Hoogsiel geboren.
Im benachbarten Jever aufgewachsen fördert sein evangelisches Elternhaus ganz im Sinne des kulturprotestantischen Fortschrittsglaubens die musische und literarische Bildung. Ab 1847 nimmt er Kompositionsunterricht u. a. in Leipzig und Berlin. 1853 tritt er eine erste Stelle als Leiter der Singakademie und des Symphonievereins in Glogau an, einem kleinen Ort in Schlesien. Hier heiratet er 1861 Amalie von Conrady, deren pietistische Frömmigkeit zeitlebens großen Einfluss auf Meinardus ausübt. Aus dieser Zeit stammen neben zahlreichen Liedkompositionen auch seine anderen großen Oratorien. Ab 1865 wirkt er u. a. als Privatdozent am Konservatorium in Dresden. Neben dem Komponieren setzt auch eine rege musikschriftstellerische Tätigkeit ein. In seinem 1872 erschienenen Buch "Des einigen Deutschen Reiches Musikzustände" positioniert er sich im Streit um die "Zukunftsmusik" gegen Wagner und Liszt. Von 1874 an arbeitet Meinardus als Rezensent beim "Hamburgischen Correspondent" und verfasst u. a. 1883 eine vielbeachtete Mozart-Biographie. Von Friedrich von Bodelschwingh 1887 nach Bielefeld / Bethel berufen ist die Stellung als Chorleiter an der Zionskirche seine letzte berufliche Station.
Meinardus stirbt am 10. Juli 1896 und liegt in Bielefeld begraben.
Sein größter Erfolg zu Lebzeiten und über seinen Tod hinaus sollte das Oratorium "Luther in Worms" bleiben.

Die Entstehung des Oratoriums "Luther in Worms" op. 36 fällt in die Jahre 1871/72. Dies ist für die deutsche Geschichte eine hochinteressante Zeit. 1871 endete der deutsch-französische Krieg mit der Gründung des Deutschen Reiches und dem Zusammenschluss des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten Bayern, Hessen-Darmstadt, Baden und Württemberg. Nach vielen Jahren der Kleinstaaterei gab es nun einen Kaiser und ein Reich. Allein schon die Verwendung von Begriffen wie "Kaiser" und "Reich" - die im Oratorium zahlreich vorkommen - euphorisierte viele und sollte nicht zuletzt eine einheitsstiftende Wirkung auf alle Deutschen haben. Die allgemeine Reichseuphorie konnte allerdings nicht die tief verwurzelten gegensätzlichen geistigen Haltungen zwischen Katholiken und Protestanten überdecken. Beide Seiten hatten in diesen Zeiten ihre Symbolfiguren, von protestantischer Seite war eine dieser Symbolfiguren der Wittenberger Reformator selbst.
Ausgehend von dem 1817 gefeierten 300jährigen Jubiläum des Thesenanschlages wurde Luther im 19. Jahrhundert zunehmend zu einem deutschen Nationalheld stilisiert. Die zunehmende Mystifizierung der Person Luthers als nationaler Volksheld drückt sich denn auch in der Errichtung zahlreicher prunkvoller Lutherdenkmäler aus, hier im Vorfeld der Entstehung des Oratoriums insbesondere das 1868 in Worms eingeweihte Lutherdenkmal.
Ludwig Meinardus übernimmt nun dieses national verklärte und idealisierende Lutherbild. Als textliche Grundlage dient ihm dazu ein Libretto, das 1867 von Wilhelm Rossmann (1832-1885) verfasst wurde. Rossmann, Sohn eines evangelischen Pfarrers und
studierter Theologe und Historiker, hatte sich auf Reformationsgeschichte spezialisiert.
Unterstützt von Franz Liszt wurde das Stück im Juni 1874 in der Weimarer Herderkirche uraufgeführt.

Für heutige Ohren klingt die verwendete Poesie pathetisch überhöht und zuweilen auch kitschig; und auch die übertrieben nationalen Töne wecken zu Recht Widerspruch. Für damalige Hörer spiegeln Text und Pathos allerdings ein weitgehend selbstverständliches Empfinden wider: Dem äußeren Feind (Frankreich) und den inneren katholischen Widersachern in den Auseinandersetzungen des "Kulturkampfes" wird mutig die Stirn geboten! All dies macht das Oratorium zu einem interessanten Zeitdokument.
Das Erbe der Reformation wirkt weiter und will für jede Epoche stets neu interpretiert und kritisch hinterfragt sein. Und da darf man sich beim Hören dieses zeitgeschichtlichen Werkes dann auch schon mal freuen, dass es heutzutage dank eines ökumenischen Bewusstseins gottlob zwischen den Konfessionen längst nicht mehr so dramatisch zugeht!

Quelle (auszugsweise):
Dr. Detlev Prößdorf (www.freiheitsraumreformation.de)



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